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Astronomie - Evolutionsschub durch Meteoritenregen? Kann sein

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Eine von den Hypothesen, die eine drastische Zunahme der Tier- und Pflanzenvielfalt auf der Erde in einer relativ kurzen Zeit vor 470 Mio. Jahren erklärt, hat sich bewahrheitet. Diese kleinere Zeitspanne, in der die modernen Klassen von Lebewesen entstanden sind, wird von Paläontologen als ordovizisches Aussterben bzw. ordovizische Strahlung bezeichnet. Inzwischen wurde das fehlende Verbindungsglied in der Erklärung der Ursachen jener fernen Ereignisse entdeckt, wobei ein Meteorit darauf hingewiesen hat.
Der Aerolith von ein paar Zentimetern im Querschnitt wurde in einem Tagebau bei Stockholm gefunden, wo rosa Marmor gefördert wird. Seit 20 Jahren hat man dort in Marmorflözen über hundert Meteoriten von dem gleichen Typ entdeckt. Das Alter dieser Flözen entspricht der „ordovizischen Strahlung“. Aber der neue aus dem All stammende Fund gab Anlass zum Nachdenken, da er zu einem anderen, den Forschern unbekannten Typ gehörte.
Laut der Hypothese, die übrigens von den Funden im Tagebau inspiriert wurde, stürmte vor 470 Mio. Jahren auf die Erde ein wahres Trommelfeuer an Boliden herein, das 10 Mio. Jahre dauerte. Vermutlich ging es dabei um Blöcke mit einem Durchmesser von bis zu einem Kilometer. Sie waren nicht groß genug, um globale Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt zu haben, wie es etwa bei steinernen Ankömmlinge von 10 km der Fall gewesen wäre. Gleichzeitig veränderte das unablässige „Bombardement“ das Relief der Erde und schuf viele neue ökologische Nischen. Diese bahnten den Weg für die Artenvielfalt: In der neuen Situation mussten sich Lebewesen den wechselnden Verhältnissen anpassen. Wer damit nicht fertig wurde, starb aus.
Es wäre logisch anzunehmen, dass der Bolidenschwarm bei der Kollision von zwei größeren, sehr schnell fliegenden Himmelskörpern entstanden war, die hinsichtlich der Masse etwa mit dem Mond vergleichbar waren. Höchstwahrscheinlich geschah es zwischen den Umlaufbahnen des Mars und des Jupiter, wo unzählige größere Objekte fliegen. Theoretisch muss in einem Paar gegeneinanderprallender Körper der größere fast ganz zersplittern. Der kleinere Körper verdampft wegen der Stoßenergie, so dass von ihm nur ganz wenig Splitter übrigbleiben. Nach einer Million Jahre erreichten Staub, Steine und größere Fragmente die Erdumlaufbahn und gerieten nach und nach auf unseren Planeten.
Die Forschung hat erwiesen, dass die Natur keine zwei Asteroiden von absolut identischer Zusammensetzung kennt. Die Ähnlichkeit der früher im Tagewerk gefundenen Meteoriten zeugte davon, dass es Splitter desselben kosmischen Körpers waren. Wie ließe sich aber die interplanetare Kollision überhaupt ohne Fragmente des zweiten Himmelskörpers dieses Paares nachweisen, auf der ja die Hypothese der explosiven Evolution beruht?
Der jetzige Fund scheint der bislang einzige Überrest von ihm zu sein, über den die Forscher verfügen. Das Alter und die Dauer des freien Herumfliegens im Weltall stimmen mit denen der früheren Funde überein, während die chemische Zusammensetzung eine andere ist. Folglich hat die Kollision stattgefunden. Also bestehen kaum noch Zweifel daran, dass die explosionsartige Zunahme der Biodiversität von Asteroiden ausgelöst wurde?
Professor Alexander Markow, Leiter des Lehrstuhls für biologische Evolution der Biologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität meint dazu:
„Sicher ist es nicht ausgeschlossen, es bedarf aber schwerwiegender Beweise. Meines Erachtens reichen die vorhandenen Argumente für die Behauptung nicht aus, gerade der Einschlag von Asteroiden wäre die zentrale Ursache der ‘ordovizischen Strahlung’. Auch gewisse innere, biologische Gründe könnten dabei eine Rolle gespielt haben.“
Laut Alexander Markow gibt es nämlich auch andere Erklärungen für die explosionsartige Evolution. Sie seien auf den Vulkanismus, die veränderte Konzentration von Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre und andere Faktoren zurückzuführen. Ähnlich große Evolutionssprünge haben stets einen ganzen Komplex an Ursachen, sagt weiter der Forscher.
„Man beschränkt die Vorgänge der Evolution zu Unrecht ausschließlich auf gewisse äußere Einwirkungen. Warum ist der Mensch entstanden? Weil eine Eiszeit eingetreten war. Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Weil ein Asteroid die Erde traf. Warum kam es zu einem stürmischen Wachstum der Artenvielfalt? Weil 10 Mio. Jahre lang Asteroiden eingeschlagen waren. Dies ist ein vereinfachtes Herangehen.“
Der prähistorische Bote hat in der Forschungsszene bereits eine Debatte ausgelöst. Wissenschaftler möchten Flözen derselben Epoche in anderen Regionen des Planeten auf Meteoritenspuren überprüfen. Ähnliche Gesteine gibt es in China, Russland, Schottland und Südamerika. Die Studie soll nicht nur auf die planetare Katastrophe, die wohl gewaltigste der letzten Milliarde Jahre, sondern auch auf die ganze Geschichte des Sonnensystems ein Schlaglicht werfen.
Quelle: abendblatt
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