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Luftfahrt-History - 1944: Kreisflugzeug-Prototyp SACK AS-6

Ufos über Machern: Fliegende Untertassen im Muldental

Vor rund 75 Jahren entwickelte der Macherner Landwirt Arthur Sack ein visionäres, kreisrundes Flugzeug, das auf dem Fliegerhorst in Brandis-Waldpolenz getestet wurde. Geflogen ist es allerdings nie und die Baupläne sind bis heute verschwunden.

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Rund wie ein Ufo: Landwirt Arthur Sack aus Machern wird in den 1930er- und 40er-Jahren zum Flugzeugbauer und konstruiert den Kreisflügler Sack AS-6/V1. Privatarchiv Jürgen Sack/Repro: Andreas Döring/Montage

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Machern/Brandis

 

Zwar hat sie nicht die Welt verändert, bemerkenswert war die Erfindung des Macherner Landwirts Arthur Sack (1900–1964) aber allemal. „Schaut, da seht ihr se“, sagt sein Sohn Jürgen, während er durch die vergilbten Seiten des Fotoalbums blättert.

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Alte Schwarz-weiß-Bilder, sorgfältig eingeklebt, sind die verflogenen Zeugnisse einer kleinen Luftfahrt-Sensation, die sich während des Zweiten Weltkrieges im Muldental abspielte.

 

Abgehobene Idee?

Ein Wandbild, das Jürgen Sack an den Schuppen seines Dreiseitgehöfts in Machern angebracht hat, hält die Erinnerung an die Vergangenheit wach. Die Malerei zeigt ein kreisförmiges Propeller-Flugzeug am Himmel schwebend, einen sogenannten Nurflügler, bei dem Rumpf und Tragflächen fast miteinander verschmelzen. Die Sack AS-6! Eine mehr als ungewöhnliche Eigenentwicklung, die reichlich Stoff für Legenden bietet.

„Der Großvater hat immer geschimpft, wenn der Vadder die Scheune blockiert hat.“ Denn dann tüftelte der Hobby-Segelflieger wieder an seiner Erfindung. In bester Trinklaune hatte der einst mit Kumpels gewettet, er könne ein Flugzeug mit kreisrunder Flügelfläche bauen. Eines mit einmalig aerodynamischen Eigenschaften.

 

„Das wollte ihm keiner glauben“, sagt Jürgen Sack. Aus Jux schießt die Kneipenrunde ein paar labbrige Bierdeckel wie Frisbee-Scheiben durchs Lokal. Später bekommt das neuartige Gefährt den Spitznamen „fliegender Bierdeckel“ verpasst.

 

Unbekanntes Flugobjekt

Seine anfängliche Schnapsidee beginnt Arthur Sack revolutionär umzusetzen. 1939 gelingt es ihm mit der Sack AS-1 einen kleinen flugfähigen, wenn auch taumelnden, Prototypen zu entwerfen, den er im Juni auf dem Flugplatz in Leipzig-Mockau bei einem Wettbewerb für Flugmodelle vorstellt. Unter den begeisterten Zuschauern ist auch Ernst Udet (†1941), Generalluftzeugmeister und Vertrauter von Hitlers Luftwaffenchef Herrmann Göring.

Udet animiert Sack, dem der Kriegsdienst erspart bleibt, seine Erfindung weiterzuentwickeln und stellt für den Bau anfänglich etwas Material bereit. Vier weitere Modelle, immer größeren Maßstabs, werden auf dem Familien-Hof entworfen, die bis auf 800 Höhenmeter steigen… und sich ab und an in den Bäumen am Feldrain verfangen.

 

Das futuristisch anmutende Himmelsphänomen bleibt daher nicht unbemerkt und wird schnell zum Dorfgespräch: Es heißt, der Macherner Landwirt experimentiere mit fliegenden Untertassen.

 

Jungfernflug missglückt

Als der Krieg schon fast verloren ist, wird Anfang 1944 mithilfe der Mitteldeutschen Motorenwerke mit der Sack AS-6/V1 (Versuchsmuster 1) schließlich das sechste und erste bemannte Versuchsflugzeug aus einem selbst konstruierten Holzskelett fertiggestellt: sechseinhalb Meter lang, fünf Meter Flügelspannweite, 900 Kilogramm schwer. Ein 240 PS-starkes Argus-As-10-Triebwerk bringt den Propeller auf Touren. Fahrgestell, Pilotensitz und -kanzel stammen von einer ausgedienten Messerschmitt Bf 109.

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Ehemaliger Airport-Tower in Waldpolenz: Auf dem einstigen Wehrmachtsgelände (und späterem sowjetischen Fliegerhorst) wurden in den 1930er- und 40er-Jahren viele Experimentalflugzeuge getestet.

 
Quelle: Thomas Kube/LVZ-Archiv
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Montiert werden die Teile auf dem Militärflugplatz bei Brandis, zu jener Zeit streng geheimes Erprobungsgelände der Wehrmacht. Nach ersten Rollversuchen von Testpiloten im April ’44 wird die Maschine über Monate hinweg mehrmals umgebaut, im Windkanal erprobt und wieder flott gemacht. Dennoch: Sie schlingert weiterhin, die Motorleistung reicht nicht zum Abheben, zweimal bricht sogar das Fahrwerk.

 

Letztlich scheitern alle fünf Startversuche. Selbst erfahrenen Piloten eines in Waldpolenz stationierten Raketenjäger-Geschwaders gelingen mit dem Flieger lediglich einige Hopser auf der Asphaltpiste.

Hat der Flieger überlebt?

In den Kriegswirren geht anschließend viel verloren. Die Konstruktionszeichnungen habe sein Vater einem Freund mitgegeben, der sie patentieren lassen sollte, so Jürgen Sack. „Der hat sich aber nach Westdeutschland abgesetzt und nicht mehr gemeldet.“

Ungeklärt auch die Frage: Wo ist der Prototyp abgeblieben? Jürgen Sack habe gehört, den hätten die anrückenden US-Amerikaner auf ihrer Suche nach deutscher Waffentechnik im April ’45 auseinandergebaut und mitgenommen. Andere Quellen berichten, das Flugzeug sei bei einem Luftangriff auf den Fliegerhorst im Winter 1944/45 zerstört und dann verschrottet worden.

 

Gut 73 Jahre nach Kriegsende ist die Aktenlage dünn und die Zeitzeugen werden immer weniger. „Schwer zu sagen, was sich mein Vater erhofft hatte. Wenn der Flieger geflogen wäre, dann hätten sie wohl ein paar Stück in Serie gebaut“, meint Jürgen Sack. Die meisten Flugzeug-Geschichten kennt er durch Anekdoten, die der 62-Jährige früher auf Familienfeiern aufschnappte, wenn das Fotoalbum hervorgekramt wurde. Er ist zwölf Jahre alt, als sein Vater im Jahr 1964 stirbt.

Wie sein Senior ist aber auch Jürgen Sack technikbegeistert – allerdings haben es ihm eher knatternde Schlepper angetan. Hinter den Scheunentoren seines traditionsreichen Bauernhofs hat der gelernte Tischler mehrere aufwendig restaurierte Lanz Bulldogs und andere Traktoren geparkt, mit denen er regelmäßig zu Treffen fährt. Seine historische Trecker-Sammlung ist sein ganzer Oldtimer-Stolz. Sein Vater aber würde bestimmt sagen: Nur Fliegen ist schöner.

 

Weiterführende Infos: Kroos, Volker (1998): „Kreisflügler Sack AS 6/V1 – der „fliegende Bierdeckel“

Quelle: LEIPZIGER VOLKSZEITUNG

 

 

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