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Raumfahrt - „SPACE 4.0“ - DIE RAUMFAHRT VOR EINEM NEUEN ZEITALTER

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27.11.2016

„SPACE 4.0“ - DIE RAUMFAHRT VOR EINEM NEUEN ZEITALTER

ESA-Generaldirektor Prof. Jan Wörner
16 November 2016

Prof. Jan Wörner, seit Sommer 2015 Generaldirektor der ESA, erklärt seine Vision von „Space 4.0“: die kommende Ära der Öffnung und Kooperation in der Raumfahrt. Es geht um neues Wissen, aber auch um neues Wachstum und neue, zukunftssichere Jobs. Entscheider in Wirtschaft und Politik bekommen mit Satellitendaten neue Werkzeuge an die Hand und die junge Generation wird mit faszinierenden Weltraummissionen inspiriert.

 

 

 

 

Herr Prof. Wörner, in der Debatte über die zukünftige Wirtschaftsweise der Industrie taucht gerade in Deutschland immer wieder das Schlagwort „Industrie 4.0“ auf. Gemeint ist die Verzahnung der Produktion mittels Informations- und Kommunikationstechnik. Mit intelligenten, digital vernetzten Systemen soll so eine weitgehend selbstorganisierte Produktion ermöglicht werden. Die Vision: Durch den umfassenden Datenaustausch arbeiten Mensch und Maschine viel effektiver zusammen. Die gesamte Wertschöpfungskette soll dabei optimiert und alle Phasen des Lebenszyklus eines Produktes eingeschlossen werden, von der Entwicklung über Fertigung und Nutzung bis hin zur Wartung und dem späteren Recycling.

Wörner: Ja, eng verbunden damit sind die Begriffe Internet of Things oder Smart Factory. Industrie 4.0 wird die Produktion in den entwickelten Ländern künftig mehr und mehr bestimmen. Nach der von Dampfmaschinen geprägten ersten industriellen Revolution im 19 Jahrhundert, der Einführung der Massenproduktion als zweitem und der weltweiten elektronischen Automatisierung als drittem Schritt industrieller Umwälzung, stehen wir nun wirtschaftlich vor einem neuen, vierten Zeitalter. Aber nicht nur die Ökonomie steht vor einem Umbruch...

Eine analoge Entwicklung sehen Sie auch in der Raumfahrt?

ISS as seen from Soyuz TMA-20
Die Internationale Raumstation ISS

Zweifellos, wir nennen es Space 4.0. Nach drei Entwicklungsphasen kommt auch hier etwas grundlegend Neues. Die erste Stufe fand noch rein erdgebunden statt. Das war die Astronomie, die älteste Wissenschaft überhaupt, sie hat mythische Irrtümer über die zentrale Rolle des Menschen im Weltall korrigiert und vor allem in den vergangenen Jahrzehnten das Wissen über den Kosmos explodieren lassen. Mit der technischen Möglichkeit der Raumfahrt im 20. Jahrhundert kam es zum Wettlauf der Supermächte USA und UdSSR, zunächst ins erdnahe All, dann zum Mond. Apollo versus Sojus, angetrieben vom Kalten Krieg, eine stürmische Phase auch in der Raumfahrt – das war die zweite Stufe. Was danach folgte war eine erste Öffnung der Raumfahrt hin zu Anwendungen und Kooperationen wie der Internationalen Raumstation ISS, inklusive Forschung in der Schwerelosigkeit. Das war, das ist Space 3.0. Gleichwohl: Bisher war die Raumfahrt weitgehend geprägt durch nationale, spezifische Interessen, vertreten durch die entsprechenden nationalen Raumfahrtagenturen.

Space 4.0 ist geprägt durch eine verstärkte Öffnung der Raumfahrt?

Der Begriff ist dabei, den amerikanischen Begriff New Space abzulösen, weil er breiter ist. Bei New Space geht es vor allem um die Kommerzialisierung der Raumfahrt. Das beinhaltet Space 4.0 auch, er verharrt aber nicht bei einer Fokussierung auf lediglich die Startraketen wie in den USA. Wir in Europa haben mit unseren Raketen Ariane und Vega eine strategische Setzung, wir wollen einen autonomen europäischen Zugang ins All. Zur Kommerzialisierung: Bei der Telekommunikation ist man damit schon recht weit und kommerziell sehr erfolgreich, dort sind die ESA-Projekte mindestens zu 50 Prozent in Public Private Partnership organisiert. Das mobilisiert die Firmen, ihr gesamtes Knowhow in diese Projekte einzubringen. Wir werden auch die ESA-Erdbeobachtung für PPP-Projekte weiter öffnen. Ein aktuelles Beispiel einer Kooperation mit der Softwarefirma SAP: Umfangreiche Erdbeobachtungsdaten, im Wesentlichen aus dem europäischen Copernicus-Programm, werden über die HANA-Plattform von SAP für Kunden der Sparten Versicherung, Handel, Landwirtschaft oder Verkehr zugänglich gemacht. Auch Start-ups sind dabei, sich mit weiteren, detaillierten Geschäftsideen in diese ESA-SAP-Kooperation einzuklinken – ebenfalls eine Öffnung in den Non-Space-Sektor. Künftig werden auch die Navigationsanwendungen stärker hinzu kommen. Bei der ESA reden wir dann von „integrierten Anwendungen“.  Die Raumfahrt verbindet sich mit all ihren Stakeholdern, das ist natürlich zuerst die Industrie, aber nicht nur.

Sie sind auch auf die Bürger Europas zugegangen...

So könnte eine künftige Mondstation aussehen. 

Genau. Die Einbindung der Bevölkerung ist die zweite Öffnung. Wir sind in diesem September mit immerhin rund 2000 Bürgerinnen und Bürgern in direkten Dialog getreten. Das war die ESA Citizens‘ Debate, die wir europaweit in 22 Ländern durchgeführt haben. So etwas hat es noch nie gegeben. Wir wollten wissen, welche Erwartungen und welche Hoffnungen die Bürger der ESA- Mitgliedstaaten mit der Raumfahrt verbinden. Es erbrachte interessante und teils auch unerwartete Resultate! Über 80 Prozent unterstützen zum Beispiel die Gewinnung von Ressourcen im All – für mich überraschend. Ähnlich hohe Zustimmungswerte genießt die astronautische Raumfahrt. Die große Unterstützung für Erd- und Umweltbeobachtung aus dem Orbit war schon eher zu erwarten. Solche Informationen und sozioökonomische Trends sollten sowohl für die ESA als auch für ihre Mitgliedsländer von großer Bedeutung sein.

Dritter Aspekt der Öffnung: Bisher waren die technischen Komponenten, die wir für die Raumfahrt gebaut haben, in den allermeisten Fällen spezifisch für die Raumfahrt, in der Regel teure Prototypen, meist eigens gebaut für die jeweiligen Missionen nach den raumfahrttypischen Spezifikationen. Jetzt wollen wir auch stärker die nicht-Raumfahrtebenen einbeziehen, bis hin zu der Frage, was wir von dort übernehmen können. Beispielsweise sind Prozesse der Automobilindustrie auch in der Raumfahrt anwendbar. Gerade in Europa können wir rund um die Raumfahrt herum noch weitere, wertvolle Spin-in und Spin-off-Fälle erzeugen.

Wie fügt sich das Moon Village in Space 4.0 ein?

Es ist ebenfalls ein offenes Konzept, global und ohne Grenzen. Es ist keine fertige Blaupause einer Mondstation. Meine Idee bezieht sich auf den eigentlichen Charakter der Idee eines Dorfs: Menschen arbeiten zusammen am selben Ort, in diesem Fall liegt er auf dem Mond. Im Moon Village wollen wir die Möglichkeiten verschiedener Weltraumnationen zusammenführen – das können robotische Beiträge sein oder Astronauten. Die Teilnehmer an dieser permanenten Mondbasis können in ganz unterschiedlichen Feldern aktiv sein: Wissenschaft und Grundlagenforschung, kommerzielle Aktivitäten wie die Gewinnung von Rohstoffen, oder sogar Tourismus. Das Konzept stößt übrigens weltweit auf viel Interesse.

Sie werden auf der ESA-Ministerratskonferenz in Luzern Anfang Dezember die Finanzmittel für den europäischen Anteil zum Weiterbetrieb der ISS bis 2024 beantragen. Was sagen Sie Skeptikern, die das Geld anderweitig besser ausgegeben sehen?

ESA-Astronaut Alexander Gerst während seines Außenbordeinsatzes auf der ISS. 

Wir haben jüngst die sozioökonomischen Wirkungen der Raumfahrt wissenschaftlich untersuchen lassen: Für jeden Euro, den wir hier ausgeben, gibt es einen Returnfaktor, der sechsmal höher liegt. Das ist in den einzelnen Feldern der Raumfahrt natürlich unterschiedlich, klar ist aber, dass auch die ISS eine positive Bilanz hat. Darüber hinaus ist mir wichtig: Raumfahrtprojekte haben auch eine enorme gesellschaftliche Wirkung. Nachrichten heutzutage sind voll von Negativbotschaften: Terrorismus, Klimawandel, ökonomische Probleme. Mit dem Vorstoß ins All, sei es mit Astronauten, Raumsonden, Erdbeobachtung oder Raketenstarts, können junge Menschen in aller Welt inspiriert werden. Denn unsere Botschaft heißt: Es lohnt sich, die Zukunft anzupacken und mitzugestalten!

 

Herr Wörner, herzlichen Dank für das Interview.

Quelle: ESA

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PRESSEEINLADUNG ZUR ESA-RATSTAGUNG AUF MINISTEREBENE AM 1./2. DEZEMBER 2016 IN LUZERN

16 November 2016

Die für die Raumfahrt zuständigen Minister der 22 ESA-Mitgliedstaaten und Kanadas kommen am 1. und 2. Dezember 2016 zur Ratstagung auf Ministerebene im schweizerischen Luzern zusammen, um die Weichen für die Zukunft der europäischen Raumfahrt zu stellen.

Die Tagung soll die Vision einer „vereinten Raumfahrt in Europa“ in der neuen Ära der „Raumfahrt 4.0“ vorantreiben.

Weitere Hintergrundinformationen zu den zur Debatte stehenden Zielen und Programminhalten wurden am 14. November 2016 separat veröffentlicht (ESA PR 42-2016).

 

Akkreditierung

Medienvertreter müssen sich bis spätestens Mittwoch, den 23. November akkreditieren lassen. Persönliche Zugangsausweise werden nur unter Vorlage eines Presseausweises ausgestellt.

Vor Ort muss der Reisepass bzw. Personalausweis vorgewiesen werden, dessen Nummer auf dem Akkreditierungsformular angegeben ist. Andere Ausweispapiere werden nicht anerkannt. Zur Akkreditierung füllen Sie bitte das über den folgenden Link erhältliche Formular aus: https://myconvento.com/public/event_register/index/1504856

Veranstaltungsort der Tagung ist das Kultur- und Kongresszentrum (KKL), Europaplatz 1, CH-6005 Luzern.

Die ESA stellt keine speziellen Unterkunftsmöglichkeiten für Medienvertreter am Tagungsort zur Verfügung.

Vorläufiges Programm für die Presse

Donnerstag, 1. Dezember

07.30 Uhr
Öffnung des Pressezentrums und Akkreditierung

08.45–09.00 Uhr
Gelegenheiten für Fotoaufnahmen im Konferenzsaal

09.00 Uhr
Eröffnung der Tagung auf Ministerebene (ohne Medienpräsenz)

10.00 Uhr 
Pressekonferenz: Überblick über die Erörterungen im Rat

12.45 Uhr
Offizielles Gruppenfoto der Minister (nur professionelle Fotografen)

13.00 Uhr
Mittagspause

15.00 Uhr
Fortsetzung der Tagung

18.30 Uhr
Voraussichtliches Ende der Tagung

20.30 Uhr
Schließung des Pressezentrums

Freitag, 2. Dezember

07.30 Uhr
Öffnung des Pressezentrums und Akkreditierung

09.00 Uhr
Eröffnung der Tagung auf Ministerebene (ohne Medienpräsenz)

13.00 Uhr
Voraussichtliches Ende der Tagung mit anschließender Pressekonferenz unter Anwesenheit des ESA-Generaldirektors und des Vorsitzenden der Ratstagung auf Ministerebene; voraussichtliches Ende spätestens 15 Uhr.

18.30 Uhr
Schließung des Pressezentrums

Anfragen für Interviews werden vom ESA-Referat Medienbeziehungen im Pressezentrum entgegengenommen.

ESA TV 

Zwischen dem 21. und dem 29. November werden auf den ESA-TV-Plattformen (ESA TV ftp, Europe by Satellite) Videobeiträge über die für die einzelnen ESA-Programmdirektionen auf der Ministerratstagung anstehenden wichtigen Themen ausgestrahlt.

Quelle: ESA

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Update: 4.12.2016

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ESA Council meeting at Ministerial Level, Lucerne, on 1 December 2016
 

EUROPEAN MINISTERS READY ESA FOR A UNITED SPACE IN EUROPE IN THE ERA OF SPACE 4.0

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ESA today concluded a two-day Council meeting at ministerial level in Lucerne, Switzerland. Ministers in charge for space  matters from ESA’s 22 member states plus Slovenia and Canada allocated €10.3 billion for space activities and programmes based on the vision of a United Space in Europe in the era of Space 4.0.

The high level of subscriptions demonstrates once more that ESA’s Member States consider space as a strategic and attractive investment with a particularly high socio-economic value.

It also underlines that ESA is THE European Space Agency capable of channeling their investment to respond effectively to regional, national and European needs by covering all elements of space: science, human spaceflight, exploration, launchers, telecommunications, navigation, Earth observation, applications (combining space, airborne and terrestrial technology), operations and technologies; as well as responding to the needs and challenges of Europe and the Member States by bringing together all stakeholders.

Ministers confirmed the confidence that ESA can conceptualize, shape and organize the change in the European space sector and in ESA itself. While also acting as a global player, broker and mediator at the centre of international cooperation in space activities, in areas ranging from the far away in exploration (with the concept of a Moon Village for instance) to supporting closer to home the international global climate research effort following the Paris Agreement of 2015.

At this summit, Ministers in charge of space matters have declared support for ESA’s Director General’s vision for Europe in space and the role and development of ESA: now the Space 4.0i era can start with ESA committing to informinnovateinteract and inspire. And, building on commercialization, participation, digitalization, jobs and growth, the concept of “United Space in Europe” will soon become a reality.

The following Resolutions were adopted:

 

 

  • Towards Space 4.0 for a United Space in Europe,
  • Level of Resources for the Agency’s Mandatory Activities 2017-2021,
  • CSG (Guiana Space Centre) (2017-2021),
  • ESA Programmes

 

Additionally, a Resolution on setting up the “ESA Grand Challenge” was approved in regular Council on 30 November.

The Resolutions are available on ESA’s website.

The sums allocated by Ministers to allow ESA to reach its future goals can be summarized as follows:

Maximise the integration of space into European society and economy
Amount: €2.5 billion

Foster a globally competitive European space sector
Amount: €1.4 billion

Ensure European autonomy in accessing and using space in a safe and secure environment
Amount: €1.8 billion

Foundation: excellence in space science and technology
Amount: €4.6 billion

The same amounts can also be seen spread in a more traditional approach by programme families.

Programme Families Total CM16 (M€ at 2016 e.c.)
Earth Observation 1370 (up to 2025)
Telecom  1280 (up to 2024)
Navigation  69 (up to 2021)
Exploration 1452 (up to 2021)
Prodex (support to Scientific Programme) 172 (up to 2021)
Launchers  1611 (up to 2023)
Space Safety 95 (up to 2022)
Technology  445 (up to 2022)
Science, Research, and Development – ESA Mandatory Activities 3813 (up to 2021)
Total  10.3 B€

The figures above include Member States' additional subscriptions to already-running optional programmes not tabled at the Ministerial. 

Next Council at Ministerial Level 
Ministers decided to hold the next Council at ministerial level during late 2019 in Spain under the Chairmanship of Luis de Guindos, Minister of Economy, Industry and Competitiveness.

About the European Space Agency

The European Space Agency (ESA) provides Europe’s gateway to space.

ESA is an intergovernmental organisation, created in 1975, with the mission to shape the development of Europe’s space capability and ensure that investment in space delivers benefits to the citizens of Europe and the world.

ESA has 22 Member States: Austria, Belgium, the Czech Republic, Denmark, Estonia, Finland, France, Germany, Greece, Hungary, Ireland, Italy, Luxembourg, the Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Romania, Spain, Sweden, Switzerland and the United Kingdom. Slovenia is an Associate Member.

ESA has established formal cooperation with six Member States of the EU. Canada takes part in some ESA programmes under a Cooperation Agreement.

By coordinating the financial and intellectual resources of its members, ESA can undertake programmes and activities far beyond the scope of any single European country. It is working in particular with the EU on implementing the Galileo and Copernicus programmes as well as with EUMETSAT for the development of meteorological missions.

ESA develops the launchers, spacecraft and ground facilities needed to keep Europe at the forefront of global space activities.

Today, it develops and launches satellites for Earth observation, navigation, telecommunications and astronomy, sends probes to the far reaches of the Solar System and cooperates in the human exploration of space. ESA also has a strong applications programme developing services in the Earth observation, navigation and telecommunications domain.

Quelle: ESA

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